Weltfinanzgipfel – G20-Staaten legen neue Finanzordnung fest
Bild: G20 London Summit by Downing Street
Die 20 stärksten Industrie- und Schwellenländer einigten sich am 2. April 2009 in London auf eine neue Weltfinanzordnung. Eine schärfere Bankenaufsicht und Sanktionen gegen Steueroasen sind zentrale Ziele.
Der Weltfinanzgipfel beschloss zudem Hilfen in Höhe von 1,1 Billionen Dollar (rund 821 Milliarden Euro). Diese werden den von der Krise hart betroffenen Ländern über mehrere Wege bereitgestellt (über Internationalen Währungsfonds, Weltbank).
Für die Märkte wird ein Frühwarnsystem entwickelt, für große, international tätige Banken entstehen gesonderte Aufsichtskollegien. Die Staats- und Regierungschefs beschlossen weiter, dass Aufsichtsbehörden von Finanzmärkten und Notenbanken zukünftig präventiver arbeiten müssen.
Auch die Regeln für die Finanzmärkte werden reformiert. Hedge-Fonds sollen registriert und Managergehälter kontrolliert werden.
Die Gipfelteilnehmer vereinbarten ein weiteres Treffen in 2009 zur Kontrolle der Londoner Beschlüsse.
Weitere Informationen:
- G20 Report by the Atlantic Council
An advance electronic copy of New Ideas for the London Summit, a report from The Atlantic Council of the United States and Chatham House can be found here.
- Final reports from the G20 working groups, G-20, United Kingdom 2009
- „Globalen Signalen müssen nationale Taten folgen“, Die Tagesschau, 03.04.09
- „Rising Powers Challenge U.S. on Role in I.M.F.”, The New York Times, 29.03.09
- “GDP to plummet 4.3 percent across OECD countries in 2009 as unemployment climbs sharply“, OECD’s Economic Outlook Interim Report, 31.03.09
- Serie zum G20-Gipfel: Wie sich einzelne Länder positionieren, WirtschaftsWoche, 30.03.09
- „Anglo-American Capitalism on Trial“, The New York Times, 28.03.09
- US-Finanzminister Timothy Geithners Plan für G20-Gipfel: “Kampfansage an das wilde Kapital”, Spiegel Online, 26.03.09
- „USA wollen neue Spielregeln für die Märkte“, Financial Times Deutschland, 26.03.09
- G20 summit: „Crisis of capitalism is a recipe for misunderstanding with Russia”, The Times, 20.03.09
- The G20: „Talking-shop-on-Thames“, The Economist, 12.03.09
- „Neue Zügel für die Finanzwelt“, Deutschlandfunk, Hintergrund, 21.02.09
- Video-Clip: 2,2 Billionen Dollar - Federal-Reserve-Chairman Bernanke verweigert Senator Bernie Sanders Transparenz über Geldempfänger, YouTube, 06.03.09
- IWF: „USA bemängeln langsame Umsetzung der G-20-Beschlüsse“, Spiegel Online, 26.04.09
- Finanzaufsicht: „EU lässt Hedge-Fonds an der langen Leine“, Financial Times Deutschland, 24.04.09
Was die Europäische Union gefordert hatte
Auf dem EU-Frühjahrsgipfel (19. und 20. März) hatten die 27 Staats- und Regierungschefs ihren Forderungskatalog festgelegt. Die zentrale Schlüsselrolle in der weltweiten Finanzarchitektur soll aus Sicht der EU der Internationale Währungsfonds (IWF) übernehmen.
Die EU-Finanzminister hatten sich bereits am 10. März 2009 auf ihrem Ecofin-Treffen in Brüssel auf europäische Richtlinien für den Londoner Gipfel geeinigt.
Vorschläge, wie das Vertrauen in die Finanzmärkte wieder gestärkt werden kann, veröffentlichte die Europäische Kommission am 4. März 2009 (Communication for the Spring European Council – Driving European Recovery).
Eine Gruppe von Finanzexperten hatte zuvor unter Vorsitz von Jacques de Larosière 31 detaillierte Empfehlungen zur Stärkung und Überwachung der europäischen Finanzmärkte und –institutionen abgegeben.
Weitere Informationen:
- Europäisches Parlament: Debatte zum bevorstehenden G20-Gipfel mit Gordon Brown am 24.03.09
- Gastbeitrag von Nicolas Sarkozy: „Ein Scheitern würde uns die Geschichte nicht verzeihen“, Spiegel Online, 01.04.09
- „Die Ladehemmung der Europäer“, Die Presse, 31.03.09
- „Blow for Gordon Brown as world leaders prepare to stall at G20 summit“, The Times, 30.03.09
- Dossier: „Die Wut erreicht die Straße“, Financial Times Deutschland, 26.03.09
Deutsche Position zum Weltfinanzgipfel
Deutschland trat mit Frankreich geschlossen auf dem Finanzgipfel auf und forderte klare Beschlüsse.
Aus deutscher Sicht müssen die systemischen Risiken eingedämmt werden (Eigenkapitalrichtlinien überarbeiten, Bewertungsstandards verbessern, Transparenz bei innovativen Finanzprodukten erhöhen). Die Bundesregierung forderte insbesondere für Hedge-Fonds und private Anlagegesellschaften Kontrollmechanismen. Steueroasen müssen kooperieren.
Im November 2008 und Februar 2009 legte die Bundesregierung zwei Konjunkturpakete auf. Sie umfassen rund 100 Milliarden Euro, die Summe der festgelegten Einzelmaßnahmen ergeben rund 66 Milliarden Euro.
Die Wirtschaftsleistung in Deutschland nahm im vierten Quartal 2008 (im Vergleich zum vierten Quartal 2007) um 1,6 Prozent ab. In den EU-Staaten lag der Einbruch bei durchschnittlich 1,3 Prozent (Quelle: Statistisches Bundesamt).
Weitere Informationen:
- Statements von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück vor dem G20-Gipfel, 01.04.09
- Council of the European Union: Council Opinion on the updated Stability Programme of Germany
- G20: „Merkel dämpft Erwartungen an Gipfel“, Financial Times Deutschland, 29.03.09
- Finanzminister Steinbrück will Steueroasen trockenlegen: „Magere Zeiten statt sprudelnder Gewinne“, Deutschlandradio, Hintergrund, 24.03.09
- „Deutschland gibt sich zugeknöpft“, WirtschaftsWoche, 24.03.09
Sicht des Europäischen Parlaments
Die Parlamentarier forderten auf ihrer Plenartagung am 24. März 2009 in Straßburg nicht nur kurzfristige, sondern ebenso mittel- und längerfristige Schritte gegen die Krise.
Globale Ungleichgewichte müssen verringert und Governance-Strukturen von IWF und Weltbank geändert werden. Darauf verweist der Ausschuss für Wirtschaft und Währung.
Nicht regulierte Institutionen, Instrumente und Märkte sollen ebenso im Fokus der Prüfer stehen wie die weltweite Finanzordnung. Die Parlamentarier fordern eine lückenlose Regelung für alle systemrelevanten Institutionen.
Weitere Informationen:
- Europäisches Parlament: Europa braucht einen „New Deal“, 11.03.09
- Speech Jean-Claude Trichet, President European Central Bank: Webcast of hearing before the Economic and Monetary Affairs Committee of the European Parliament, 30.03.09
- „Einfacher und schneller: mit EU-Strukturfonds-Mitteln aus der Krise“, Europäisches Parlament, Berichterstatter Evgeni Kirilow, 09.03.09
Absicherung gegen Staatsbankrotte
Der Europäische Rat sagte auf seinem Frühjahrsgipfel 100 Milliarden Euro gegen die Wirtschafts- und Finanzkrise zu. Hiervon gehen 75 Milliarden an den Internationalen Währungsfonds (IWF); 25 Milliarden Euro bekommt der Notfallfonds der Europäischen Union.
Die Notkredite der EU werden damit von 25 Milliarden auf 50 Milliarden Euro verdoppelt. Das Geld ist für osteuropäische EU-Staaten gedacht, die nur noch mit Notkrediten einen Staatsbankrott verhindern können. Ungarn und Lettland nutzen bereits zehn Milliarden Euro aus diesem Fonds.
Die 27 EU-Staats- und Regierungschefs sprachen sich dafür aus, dass die Mittel des Internationalen Währungsfonds auf 500 Milliarden US-Dollar verdoppelt werden (rund 370 Milliarden Euro). Die versprochenen 75 Milliarden Euro aus der EU wollen die Staaten freiwillig beisteuern.
Weitere Informationen:
- „EU-Währungskommissar will Staaten in Not retten“, Die Welt, 30.03.09
- „Osteuropas Staatsverschuldung wächst bedrohlich“, WirtschaftsWoche, 19.03.09
- Interview mit Thomas Mirow, Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung: „Die EU soll für die Länder Osteuropas eintreten“, Deutsche Welle, 11.03.09
Europäisches Konjunkturpaket
Am 19. März 2009 einigte sich der Europäische Rat auf ein fünf Milliarden Euro schweres Konjunkturprogramm.
Das Geld fließt in klar definierte Bereiche: in Energieprojekte (vier Milliarden Euro) und schnelle Breitbandnetze im ländlichen Raum (eine Milliarde Euro). Bedingung ist, dass die Projekte in 2009 und 2010 beginnen.
Ausbau der Strom- und Gasnetze
Die EU will mit den Konjunkturhilfen grenzüberschreitende Strom- und Gasnetze ausbauen (rund 2,3 Milliarden Euro). Darunter sind das Projekt Nabucco (südlicher Gaskorridor) und das Stromnetz Zentral- und Süd-Ost-Europa (mit dem Teilstück zwischen Halle/Saale und Schweinfurt).
Weitere Zuschüsse (505 Millionen Euro) fließen in Offshore-Windprojekte in Ost- und Nordsee, wie Baltic-Kriegers Flak und North Sea Grid.
Gefördert werden zudem Pilotprojekte zur CO2-Abscheidung und –Speicherung (1,2 Milliarden Euro), darunter die deutschen Kohlekraftwerke Hürth und Jänschwalde.
Ausbau des Breitbandnetzes
Die EU will den Ausbau von Breitbandanschlüssen in ländlichen Gebieten mit Konjunkturhilfen beschleunigen (eine Milliarde Euro). Erika Mann fordert dies seit Jahren. Um Investitionen anzuregen, will die EU zudem Wettbewerbsregeln auf dem Telekommunikationsmarkt lockern.
Weitere Informationen:
- „EU will Internet und Energieprojekte fördern“, Tagesschau, 20.3.09
- „Noch ein paar Milliarden für die Konjunktur“, Financial Times Deutschland, 20.03.09
- „Kommission erwartet Bankrottwelle für 2009“, EurActiv, 30.03.09
- „EU forciert Ausbau von Breitband-Web“, Spiegel Online, 20.03.09
- „Netzbetreiber gegen politische Bevorzugung der Telekom“, Heise Newsticker, 19.03.09
- „EU-Parlamentarier stimmen für Risikobeteiligung an neuen Netzwerken“, Heise Newsticker, 08.07.08
Haltung von Erika Mann
Derzeit findet ein Vermittlungsverfahren (Trilog) zwischen dem Europäischen Parlament, dem Rat und der Kommission zum Telekom-Paket statt. Ein zentraler Punkt der Verhandlungen ist die Schaffung von regulatorischen Anreizen für Unternehmen, in neue schnelle Netze zu investieren.
Erika Mann setzt sich bereits seit Jahren nach dem Motto „Smart Politics für Breitband“ für Regulierungsanreize ein und hat entsprechende Anträge in das Telekom-Paket erfolgreich eingebracht. Ziel ist eine moderne Regulierung auf EU-Ebene.
So sollen Unternehmen beim Ausbau durch kürzere Abschreibungszeiträume unterstützt werden. Im Gegenzug muss von diesen Unternehmen während des Abschreibungszeitraums verlangt werden, Wettbewerber entweder beim Bau zu beteiligen oder Wettbewerber über einen gewissen Preisaufschlag den Zugang zu den Netzen zu gewähren. Das Ende der Verhandlungen im Vermittlungsausschuss wird Anfang April erwartet.
Erika Mann fordert eine hohe Grundqualität: Das Breitband muss „mit hoher Geschwindigkeit“ zum Universaldienst werden. Hierfür muss ein stimmiger Regulierungsrahmen rasch in der Universaldienstrichtlinie verankert werden. Um schnell handeln zu können, sollte die erst für den Herbst geplante Behandlung der Universaldienstrichtlinie vorgezogen werden.
Weitere Informationen:
- Erika Mann: 6 Punkte für einen besseren Breitbandzugang
- Einführende Informationen zur Überarbeitung des Rechtsrahmens für Telekommunikation, 11.08.08
- Redebeitrag von Erika Mann zum Thema Regionalförderung des Ausbaus von Breitband-Infrastrukturen in der Aussprache im Europäischen Parlament am 18.06.07
Nationale Konjunkturprogramme
Die nationalen Konjunkturpakete werden in Europa nicht ausgeweitet, hieß es auf dem Frühjahrsgipfel der EU im März 2009. Damit richtet sich die Europäische Union gegen Forderungen aus den USA. Anfang März 2009 hatte Larry Summers, wirtschaftspolitischer Chefberater von US-Präsident Barack Obama, um weltweit höhere Staatsausgaben für eine Belebung der Konjunktur gebeten.
Bislang verabschiedeten die Regierungen im EU-Raum Konjunkturmaßnahmen, die zu Staatsausgaben von etwa 3,3 Prozent des europäischen Bruttoinlandsproduktes führen (mehr als 400 Milliarden Euro). Aus Sicht des EU-Gipfels genug, da sich die volle Wirkung dieser Maßnahmen noch nicht habe entfalten können. Außerdem steigen in der Rezession auch automatisch die Sozialausgaben an.
Der Rat der Europäischen Union bewertete die deutschen Konjunkturprogramme und gab für alle EU-Länder Empfehlungen zur Konjunkturbelebung ab.
Inwieweit sich die weltweiten Konjunkturprogramme auf Wachstum und Klima auswirken, belegt das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel in einer Studie vom 1. April 2009.
Weitere Informationen:
- Europäische Kommission leitet Konsultation zur Finanzmarktaufsicht ein, 10.03.09
- Europäische Kommission: „Fünf Länder überschreiten EU-Defizitgrenze“, 24.03.09
- „Rezession durchkreuzt EU-Ziele für Wachstum und Beschäftigung“, EurActiv, 09.03.09
- US-Ökonom James Galbraith: „Es wird höchste Zeit, die Banker für die Allgemeinheit arbeiten zu lassen“, Spiegel Online, 23.03.09
- Interview: „EU-Förderbank will Firmen mit Garantien helfen“, Financial Times Deutschland, 19.03.09
- „Was die Billionen-Spritze der Fed bringt“, Spiegel Online, 19.03.09
- Kolumne: „Trotzig in die Katastrophe“, Financial Times Deutschland, 11.03.09
- Chef des Internationalen Währungsfonds: „Es gibt in dieser Krise keine nationalen Lösungen“, Süddeutsche Zeitung, 10.03.09

